23. Oktober 2015

Das Kleinkind wird hysterisch, wenn die Mutter nur kurz den Raum verlässt. Der Teenager verbringt Tag und Nacht an der Playstation. Die ganze Klasse gähnt vor sich hin, Marcus Raibleobwohl sich die Lehrerin alle Mühe gibt. Marcus Raible kennt die Probleme, die Eltern und Lehrer mit ihren Kindern und Schülern haben. Bei dem Vortrag, den er am 21. Oktober auf Einladung von Gemeinsam Leben - Gemeinsam Lernen Bonn e.V. in der evangelischen Freikirche Mittelstraße hält, zeigen seine Videos diese Probleme mehr als anschaulich. Aber vor allem stellt er Lösungen vor. Er öffnet für uns seine Bibliothek, seinen Zettel- und seinen Werkzeugkasten.

Der staatlich geprüfte Ergotherapeut, Verhaltens- und Lerntrainer folgt dem Credo „Bindung ist die Basis einer erfolgreichen Beziehung und die Grundlage allen Lernens“. Eine lange Reihe von Wissenschaftlern hat sich bereits mit Fragen des erfolgreichen Lernens beschäftigt. Wichtige Begriffe sind „operante Konditionierung“ und „positive Verstärkung“, Begriffe, die lange Jahre in den Hintergrund gerückt waren und heute wieder kontrovers diskutiert werden.

 

Auf diesen Begriffen baut das sogenannte IntraActPlus-Konzept auf, das Grundlage der Arbeit von Herrn Raible ist. IntraActPlus ist ein Therapie-und Interventionsansatz, der von Fritz Jansen und Uta Streit seit 20 Jahren fortentwickelt wird. Stärker als sonst in der Verhaltenstherapie üblich, wird dabei die „Beziehung“ einbezogen. Um die Beziehungssignale besser zu erfassen, arbeitet man mit Videoaufnahmen. IntraActPlus deckt den gesamten Altersbereich ab. Der Prävention von seelischen Störungen kommt dabei eine besondere Bedeutung zu, die Entwicklung von Lernprogrammen ist ein relativ neuer Arbeitsschwerpunkt.

Doch zurück zur Praxis: Der erste Schritt ist auch hier die Suche nach den Ursachen der Störungen oder Probleme. Die Strukturen, das Umfeld, einizelne Beteiligte, zu großer Stress, individuelle Defizite oder eine Häufung von Misserfolgen. All das können mögliche Ursachen sein. Wichtig ist dann das Verständnis der Ziele der beteiligten Menschen: Gibt es stark differierende Ziele? Gibt es unbewusste Ziele, die das Handeln der Beteiligten steuern?

Im nächsten Schritt wird die Kopplung von unangenehmen Gefühlen und Handeln bzw. Erleben, also zum Beispiel das Gruseln des Schülers vor der Mathestunde, aufgebrochen und gedreht. Der Therapeut koppelt also Kulturtechniken an positive Gefühle. Dies geschieht im Lernumfeld vorrangig über das möglichst hochfrequente Einüben der Techniken, z.B. der Rechenoperation, durch positive Verstärkung, also vor allem das hochfrequente Loben bei richtigen Lösungen und insbesondere dadurch, dass man dem Schüler seine Wertschätzung zeigt, sein Interesse an ihm, also mit ihm „in die Bindung geht“ und die Kulturtechnik auch über die Bindung positiv besetzt.

Verkürzt gesagt könnte man also vom Dreischritt Widerstände, (Lern)Ziele, (Lern)Motivation sprechen. Dabei sollen sich Eltern wie Lehrer regelmäßig die Frage stellen: „Bin ich noch in der Bindung mit meinem Kind?“ „Bin ich noch in der Bindung mit meiner Klasse?“

Was machen wir nun mit dem hysterischen Kleinkind? Mit dem spielsüchtigen Teenager oder der schlafenden Klasse? Immer passende Rezepte hat auch Marcus Raible nicht im Gepäck. Aber wir hören, dass sich das Kind im Laufe des mehrwöchigen Trainings entspannt. Wir verstehen, dass dem Teenager auch Grenzen gesetzt werden müssen und wir Eltern schließlich die Mittel dafür zur Verfügungn haben. Und auch der Schulklasse und der Lehrerin kann – ganz offensichtlich und mit deutlichem Erfolg – geholfen werden. Doch vollkommen glücklich ist die Therapeutin erst dann, wenn ihr Klient sich nach einer Therapie zur Überwindung von Angst vor Hunden selbst einen Dobermann kauft.

 

Bericht: TSR