Rund 200 Eltern von Kindern mit Behinderung stehen auch in diesem Jahr in Bonn wieder vor der Frage:

Welche Schule ist die richtige für mein Kind?

Um den Eltern zu helfen, eine auf möglichst allen relevanten Informationen basierende Entscheidung für ihr Kind zu treffen, und um den  Eltern beim Marsch durch die Institutionen mit Rat und Tat an ihrer Seite zu stehen, hatte Gemeinsam Leben - Gemeinsam Lernen Bonn e.V. Anfang September zu einer Infoveranstaltung in die evangelische Freikirche Mittelstraße in Plittersdorf eingeladen.

Bei der durch Ingrid Gerber (Projektleitung Inklusion bei GLGL) moderierten Veranstaltung besetzen das Podium der Leiter der Gottfried-Kinkel-Grundschule in Oberkassel, Christian Eberhard, der Sonderpädagoge und Inklusionsberater Stefan Rau von GLGL sowie die Leiterin des Fachbereichs Schulbegleitung von GLGL Loretta Bading-Weiss. Ein breites Spektrum mit Fach- und Erfahrungswissen aus verschiedenen Perspektiven und Themenfeldern stand damit zur Verfügung.

Der erste Satz eines guten Buches ist bisweilen sein Leitmotiv. Der erste Satz von Herrn Eberhard war: „Haben Sie den Mut, Ihr Kind in der Regelschule mit Gemeinsamem Lernen einzuschulen!“ Probleme mit einzelnen Institutionen oder politische Grabenkämpfe zum Thema seien unwichtig.  Wichtig dagegen: “Was braucht das einzelne, dieses eine Kind!” Beispiele von Kindern, die mit schlechten Prognosen hohe Schulabschlüsse erreicht haben, sind auch und gerade in Bonn mit der jahrzehntelangen Expertise im Gemeinsamen Lernen normal. Der erste – spanische – Lehrer mit Down-Syndrom „ging“ vor einer Weile durch die Medien.

Fakten / Informationen / Rechtslage

  • vom 3. bis 5.11.2016 sind die Tage zur Grundschulanmeldung
  • Im Vorfeld haben die einzelnen Schulen “Tage der offenen Tür”, an denen man sich mit Kind die Schulen ansehen, im Unterricht hospitieren und Beratungstermine vereinbaren kann
  • Nach Gesetzeslage (9. SchrÄG) besteht heute ein Rechtsanspruch auf inklusive Schulversorgung für Kinder mit sonderpädagogischem Unterstützungsbedarf.
  • Die Kinder sollen möglichst in Wohnortnähe zur Schule gehen.
  • Von rund 50 Bonner Grundschulen arbeiten inzwischen etwa die Hälfte inklusiv.
  • Die meisten davon haben Sonderpädagogen im Kollegium.
  • An einer Schule sollten nicht mehr als ein Drittel der Schüler Förderbedarf haben.
  • Im Gegensatz zu früher geht es heute oft mit weniger „Verfahren“ und „Anträgen“.
  • Nach neuer Verfahrensweise (DEIF-Akte) werden bei Einwilligung durch die Eltern alle Dokumente zum Kind gesammelt.

Die Schulwahl

Besonders dankbar waren die anwesenden Eltern dafür, einen Schulleiter zum Thema Schulwahl zu hören, gleichsam aus dem Nähkästchen plaudernd: Eltern sollten mit einem Fragenkatalog in der Hand, mit einer Art Pflichtenheft, die in Frage kommenden Grundschulen besuchen: Ist Barrierefreiheit, wenn für mein Kind nötig, gegeben? Gibt es Sonderpädagogen? Ist bereits ein Kind mit ähnlichem Handicap an der Schule? Wie sieht es mit der Zusammenarbeit Grundschule – Nachmittagsbetreuung aus? Wie mit der Leistungsbewertung? Wie ist der Schülerspezialverkehr? Und nicht zuletzt: Wie ist die Atmosphäre an der Schule? Das Bauchgefühl am Tag der offenen Tür ist vielleicht das wichtigste. Und wenn dann die richtige Schule gefunden ist, und auch der Schulleiter das Kind aufgenommen hat, heißt es, im Verlauf regelmäßig mit allen Beteiligten zu sprechen. Ein Kind mit Handicap braucht auch zu Hause mehr Aufmerksamkeit und in der Schule in aller Regel mehr Kommunikation als andere Kinder.

Schulbegleitung

Frau Bading-Weiss, seit sieben Jahren für GLGL mit dem Thema Schulassistenz befasst, gab als zweite Referentin Hinweise zu dieser Frage. Kernpunkt: Wichtig ist die rechtzeitige, die frühzeitige Beschäftigung mit der Organisation der Schulbegleitung für das eigene Kind. Gerade in der Schulbegleitung ist die Chemie zwischen den Beteiligten wichtig. Wenn frühzeitig, d.h. im Frühjahr vor der Einschulung bereits der Bedarf angemeldet und ein Schulbegleiter gesucht wird, kann es besser passen. Um so eher der Kontakt mit den Akteuren der Schule gesucht wird, um so besser kann er sich entwickeln. Um so eher der Bedarf mit einer möglichst umfassenden Dokumentation bei der Stadt Bonn angemeldet wird, um so schneller kann diese darüber entscheiden. Das gleiche gilt bezüglich der finanziellen Eigenbeteiligung, die ggf. für eine OGS-Begleitung von Seiten der Stadt gefordert wird.

Eine wichtige Problematik wurde aus dem Publikum benannt: Schulbegleiter werden oftmals nicht angemessen bezahlt. Daraus kann bisweilen ein etwas häufigerer Personalwechsel folgen und eine geringe oder wechselhafte Verfügbarkeit. Hier ist die Stadt Bonn jedoch aktuell dabei, eine neue Auflage der Weiterentwicklung von Schulbegleitung in Bonn zu erarbeiten, was perspektivisch auch - so hoffen wir - zu einer Verbesserung der Qualität führen wird.

Schulbegleitung: Chronologie des Verfahrens

  • Schuleingangsuntersuchung - bei diesem Termin wird zumeist deutlich, ob Schule oder KiTa signalisieren, dass eine besondere Förderung für das Kind in der Schule notwendig sein wird.
  • Antragstellung - Die Eltern füllen den Antrag auf Schulbegleitung aus, soweit sie können und vervollständigen ihn zusammen mit der Schule. Dann wird er an die zuständige Stelle beim Sozial- oder Jugendamt geschickt.
  • Sonstiges - Die Eltern kümmern sich um weitere notwendige Vorbereitungen, wie Arztbesuche oder ähnliches, um dem Antrag auch noch die entsprechende Diagnostik beifügen zu können.
  • Anbieterwahl - In Bonn gibt es mehrere Anbieter von Schulbegleitung. Fragen Sie im Jugendamt oder Sozialamt nach, ob Sie sich selbst um einen Anbieter kümmern können oder müssen.

 

Verordnung sonderpädagogische Förderung (AO-SF)

Über die nordrhein-westfälische „Verordnung über die sonderpädagogische Förderung, den Hausunterricht und die Schule für Kranke (Ausbildungsordnung sonderpädagogische Förderung - AO-SF) vom 29. April 2005, zuletzt geändert durch Verordnung vom 1. Juli 2016“ berichtete Stefan Rau, für den Kreis Euskirchen haupt- und bei GLGL ehrenamtlich tätiger Sonderpädagoge.

Schule befindet sich heute im Umbau. Schulische Inklusion wie auch der Nachteilsausgleich sind heute durch Gesetze oder ministeriale Verordnungen verpflichtend. Kinder mit Behinderung haben einen Rechtsanspruch auf Teilnahme am Regelschulbetrieb. Dadurch wird perspektivisch die Zahl von Förderschulen geringer. Kinder an Förderschulen haben heute zumeist einen größeren Förderbedarf. Förderschulen werden zusammengelegt oder einer anderen Nutzung zugeführt. Eine Einschulung an Förderschulen findet praktisch nur noch auf den besonderen Wunsch der Eltern statt.

Über die Einschulung (oder auch in besonderen Fällen die Zurückstellung) der Kinder entscheidet die Schule. Außer bei Kindern mit körperlichen, geistigen oder sprachlichen Behinderungen oder solchen im Hören wird das sogenannte „Verfahren nach AO-SF“, also die Feststellung des Förderbedarfes, heute in der Regel erst im dritten Schuljahr durchgeführt, also nach der Schuleingangsphase, und nur noch auf Antrag der Eltern. Diese Einstufung wird jährlich überprüft und, so Stefan Rau, „Das Ende eines Förderbedarfs festzustellen, ist eine der vornehmsten Aufgaben des Sonderpädagogen.“

Veränderung, hoffentlich Fortschritt, das war jedenfalls das Leitmotiv dieser Veranstaltung. Wer vor dreißig oder vierzig oder auch zehn Jahren einem Menschen mit einer sichtbaren Behinderung im öffentlichen Raum begegnet ist, der ist nicht selten erschrocken. Weil es eben so selten war. Menschen mit Handicap – allein die Grenze zu ziehen ist recht eigentlich unmöglich – sind heute schon sehr viel mehr Teil unserer Gesellschaft, als früher. Die Kämpfer dafür wurden – frei nach Schopenhauer – zuerst verlacht, dann angegriffen - und heute gelten sie als Vorreiter. Sie sind überzeugt: Jedes behinderte Kind, das alle Chancen auf Bildung und ein Leben in unserer Mitte hat, ist ein Gewinn für diese Gesellschaft.

Bericht: TSR

 

Ps:  Hier haben wir, wie an dem Infoabend angekündigt, einen "Fragenkatalog Einschulung von Kindern mit Förderbedarf" zusammengestellt, den Eltern zu den Tagen der offenen Tür mitnehmen können, als Orientierungshilfe und um herauszufinden, welche Schule die richtige für ihr Kind ist.

Pps: "Behinderung" in diesem (schulischen) Zusammenhang = "Förderbedarf" bzw. "sonderpädagogischer Förderbedarf" = "sonderpädagogischer Unterstützungsbedarf"