6.11.2014

Der Übergang in die weiterführende Schule ist für viele Eltern jedes Jahr eine schwierige Situation. Welche Schulformempfehlung wird mein Kind bekommen? Und welche Schule wird dann mein Kind aufnehmen? Dies führt in jedem Jahr zu schlaflosen Nächten. Noch einmal ganz anders stellt sich die Situation für Eltern von Kindern mit sonderpädagogischem Unterstützungsbedarf dar. Hier gibt es noch sehr viel mehr zu bedenken - ein überaus komplexes Zusammenspiel verschiedenster Rahmenvorgaben macht für diese Familien den Übergang zu einem Spießrutenlauf.

Um dem entgegenzuwirken hatte das Schulamt der Stadt Bonn in den Ratssaal im Stadthaus eingeladen. Dort standen neben je einem Vertreter der Schulformen Gesamtschule, Förderschule, Realschule und Gymnasien auch alle drei Bonner Vertreter der unteren Schulaufsichtsbehörde den geladenen Eltern und anderen Interessierten Rede und Antwort. Organisation und Moderation hatte das Inklusionsbüro inne. Neben diesen Experten aus Schulverwaltung und Schulaufsicht waren die Stadtschulpflegschaft Bonn und der Bonner Verein Gemeinsam Leben – Gemeinsam Lernen geladen.

Nach einer Einführung durch den Schulamtsleiter und Schulrat füllten die etwa fünfzig anwesenden Eltern von Kindern mit Förderbedarf die zwei Stunden mit präzisen Fragen zum ersten Anmeldeverfahren nach Rechtsanspruch auf inklusive Bildung.

Hier wurden auch Ängste und Sorgen offen thematisiert. Ebenso wurde ein Teil der Schwierigkeiten, mit denen Eltern zu kämpfen haben, wenn sie um die wenigen Plätze an Gesamtschulen konkurrieren, mehr als deutlich.

Ermutigung kam von Seiten der Stadtschulpflegschaft dahingehend, dass die Schulwahl nach ausgiebiger Hospitation - möglichst an mehreren Schulen - zusammen mit dem Kind ein Gefühl dafür entwickeln hilft, welche Schule die richtige für das jeweilige Kind ist.

Für uns als Eltern behinderter Kinder, die seit über 30 Jahren in Bonn oft als Bittsteller um die viel zu wenigen Plätze im Gemeinsamen Unterricht ringen, vielfach abgewiegelt wurden, immer wieder mit Verweis auf die längst überholten „räumlichen, sächlichen oder personellen Voraussetzungen“ an ihren Wunsch-Schulen eine Absage erhielten, ist diese Veranstaltung ein Meilenstein in der Geschichte des Gemeinsamen Unterrichts in Bonn. Das „Jahr eins nach Rechtsanspruch“ beginnt also mit einem ermutigenden Beispiel von Seiten der Stadt Bonn, die als erste in NRW vor vier Jahren neben Köln ausgerufen hat, inklusiv werden zu wollen.

Es gehörte auch Mut dazu, dieses Maß an Transparenz herstellen zu wollen. Einige Pausen nach bestimmten Fragen waren für uns – wohltuend. Ganz ohne Vorwurf, denn wir kennen die Ratlosigkeit nach manchen Aussagen nur zu gut. Zu sehen und zu spüren, dass auch die Verwaltung noch nicht auf alle Fragen eine Antwort hat und auch noch um einen gemeinsamen Weg ringt, ist insofern befriedigend, weil genau dadurch ein Bewusstsein für die Vorkehrungen entsteht, die Inklusion erfordert. Deutlich wurden auch die Schwierigkeiten, die das aktuell noch gliedrige Schulsystem hat, weil es sich - um inklusiv zu werden - verändern muss.

Wir als Eltern behinderter Kinder können zwar nicht wirklich bestimmen, wie sich das System verändern wird. Unser Einfluss ist überschaubar.  Was wir gerade in der Zeit der rasanten Veränderung umso klarer brauchen, sind Menschen, die uns vorurteilsfrei begegnen, die uns Möglichkeiten aufzeigen, die mit uns auf Augenhöhe diskutieren. Dass dies von Seiten der Verwaltung versucht werden würde, kam an und macht Mut, dass Bonn wirklich inklusiv werden soll. Jetzt auch ganz konkret. Wir werden selbstverständlich an dem Thema dran bleiben und diesen gerade begonnen Prozess im Sinne unseres Vereinszieles weiter forcieren!

Ingrid Gerber, Projektleitung Inklusion GLGL, Elterninitiative auf dem Weg zum Inklusionsfachverband