Inklusion: Politik hat den Offenen Ganztag vergessen!

 

Anspruch auf Regelschulplatz für Kinder mit Behinderung zum 1. August 2014


Bonn, 01. August 2014.  Anlässlich des zum 1. August 2014 geltenden Rechtsanspruchs für Kinder mit Behinderung auf einen Platz an einer Regelschule weisen der Paritätische Bonn und Gemeinsam leben, gemeinsam lernen e.V. auf politische Versäumnisse hin: Während die Begleitung eines Kindes im Unterricht durch einen Integrationshelfer gesichert sein soll, ist sie es in der Nachmittagsbetreuung und in Ferienzeiten im Rahmen der Offenen Ganztagsschule (OGS) keineswegs. Der Paritätische fordert deshalb die Landespolitik auf nachzubessern.

„Bei der Einführung der schulischen Inklusion hat der Gesetzgeber den Offenen Ganztag nicht bedacht. Hier fehlen verlässliche Regelungen. Diese Lücke im System macht Kindern mit Behinderung und ihren Eltern unnötig das Leben schwer“, sagt Susanne Seichter, Geschäftsführerin des Paritätischen in Bonn. Schon heute gibt es immer wieder Schwierigkeiten an Schulen, die bereits gemeinsames Lernen von Kindern mit und ohne Behinderung anbieten. Mit dem Rechtsanspruch werden diese Probleme zunehmen. Meist gelingt es Eltern, einen Integrationshelfer für den Unterricht zu organisieren, entsprechende Anträge beim zuständigen Sozialamt sind in der Regel erfolgreich. Schwierig wird es, wenn das Kind das Nachmittagsangebot der OGS oder die Ferienbetreuung nutzen will und auch dann Begleitung braucht – hier wird die Finanzierung oft nicht bewilligt.

 

Erschwert wird Inklusion in der OGS dadurch, dass Lern- und Entwicklungsstörungen nicht mehr diagnostiziert werden und so kein Mehrbedarf festgestellt wird. Daraus folgt, dass gerade auch die OGS keine zusätzlichen Ressourcen mehr erhält. „Dies wird die Aufnahme von Kindern mit Förderbedarf noch viel unattraktiver machen, als es eh schon ist. Hier wird klar, dass die Schuleingangsphase - mit der nunmehr fehlenden Diagnostik, und der daraus resultierend schlechteren Versorgung der Kinder mit Förderbedarf - eine ganz neue Bedeutung erhält.“ sagt Ingrid Gerber, Projektleiterin Inklusion beim Verein Gemeinsam Leben - Gemeinsam Lernen.

Der Knackpunkt ist die rechtliche Grundlage für die Bewilligung. Denn die ist eng an den Begriff der ‚schulischen Bildung‘ geknüpft. Ob die OGS-Angebote aber Teil der schulischen Bildung sind oder nicht, hat der Gesetzgeber nicht eindeutig geklärt. Susanne Seichter: „Hier muss das Land dringend nachbessern. Der Offene Ganztag muss als schulisches Bildungsangebot anerkannt und der OGS-Erlass entsprechend angepasst werden. Handelt das Land nicht, bleiben die betroffenen Familien vom Gutdünken der Kommunen abhängig. Wer Inklusion ernst meint, der muss sicherstellen, dass die benötigten Leistungen auch in Anspruch genommen werden können.“

 

Der Paritätische in Bonn bildet das Dach für rund 100 gemeinnützige Organisationen, die mit 148 Einrichtungen und Diensten auf allen Feldern sozialer Arbeit tätig sind. Darunter sind 9 Angebote des Offenen Ganztags. Kontakt: Susanne Seichter 0228 – 9 14 59 19

 

Gemeinsam Leben - Gemeinsam Lernen e.V. ist ein Verein zur Förderung der Inklusion von Menschen mit Behinderungen. Er bietet Inklusionsberatung an in den Bereichen Integration/Inklusion in Kindergarten, Schule, Berufsausbildung, Arbeitsleben, selbstständige Wohnformen. Kontakt Ingrid Gerber 0228 / 30 41 40 30

 Hier wurde diese Pressemeldung im Bonner General Anzeiger abgedruckt